22.08.2017

Hoffnung für Patienten mit fortgeschrittener Makuladegeneration (AMD)


Sulzbacher Stammzellforscher entwickelt operativen Ansatz mit Stammzelltherapie

Erstmalig schafft eine neue Transplantationstechnik mittels Stammzelltherapie der Netzhaut für viele Patienten mit altersabhängiger Makuladegeneration (AMD) die Perspektive für eine Heilung. Die Basis hierzu legt der international renommierte Stammzellforscher Priv. Doz. Dr. Boris V. Stanzel, der seit April neuer Leiter des Makulazentrum Saar an der Augenklinik Sulzbach ist. Unter seiner Ägide initiiert die Schwerpunktklinik für Netzhauterkrankungen in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT in Sulzbach eine wegweisende Zelltherapie-Pilotbehandlung bei fortgeschrittener AMD. Die ursächliche Behandlung der AMD rückt damit in greifbare Nähe.

Rund viereinhalb Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Makuladegeneration. Ursache ist eine Schädigung des retinalen Pigmentepithels (RPE). Diese äußerste Zellschicht der Netzhaut koordiniert Stoffwechsel und Funktion der Sinneszellen im Auge. Mit der AMD gehen Entzündungsprozesse in dieser Schicht einher, weswegen überschüssige Stoffwechselprodukte rund um das RPE verbleiben und deren Funktion stören. Als Konsequenz kommt es zusehends zu einer Sehverschlechterung.

AMD heilen – Der Wunsch aller Patienten
Bisher ist die Intravitreale Operative Medikamenteneingabe (IVOM-Augenspritze) das Maß der Dinge in der (feuchten) AMD-Behandlung. Das Einspritzen des Medikaments in den Glaskörper hält aber lediglich den Verlauf der Krankheit auf und behandelt nicht bereits entstandene Schädigungen der Retina. Zudem ist die IVOM-Behandlung nur bei weniger als einem Viertel aller Patienten mit AMD möglich. Patienten mit trockenen Verlaufsformen können damit nicht behandelt werden. Deshalb besteht seit einigen Jahren die Hoffnung, durch eine Transplantation von gesunden Zellen unter die Netzhaut die AMD zu heilen. Allerdings waren frühere Transplantationsverfahren von körpereigenen Zellen (autolog) mit häufigen Komplikationen verbunden. Genau hierin liegt der Vorteil des neuen Verfahrens: Durch den Zellersatz aus Stammzellprodukten ist erstmals eine ursächliche Behandlung mit Hilfe eines minimal-invasiven operativen Eingriffs möglich. „Wir können bei uns in Sulzbach zukünftig ausgesuchte Patienten in die aktuelle Behandlungsstudie einbeziehen. Damit greifen wir erstmals ursächlich in den Krankheitsfortschritt der AMD ein. Unser Ärzte-Team ist jetzt in einer Phase, in der die besondere Stammzell-Expertise einer größeren Anzahl an Patienten zur Verfügung gestellt werden kann. Jedoch bleibt eine Einschränkung: Wir können mit dieser Methode derzeit weder besonders frühe noch besonders späte AMD-Befunde behandeln“, präzisiert Prof. Dr. Peter Szurman, Chefarzt der Augenklinik Sulzbach.

Verfeinertes Verfahren für die ursächliche Behandlung der fortgeschrittenen AMD
Der Sulzbacher Transplantationsexperte Boris V. Stanzel erprobte mit Wissenschaftlern aus Deutschland, Österreich, USA, Finnland und Singapur an verschiedenen Modellen eine Methode, wie sich durch AMD zerstörte RPE-Zellen mithilfe von Stammzellprodukten ersetzen lassen. Die Forschergruppe implantierte verschiedene menschliche RPE-Arten aus Stammzellen auf speziellen, hauchdünnen Trägermembranen. Einige dieser Zellen wurden in 2014 erstmals in der Wissenschaft für Transplantationszwecke herangezogen und zeigten eine gute Verträglichkeit. Stanzels Forschergruppe hatte hierfür spezielle Transplantationsinstrumente entwickelt und platzierte die retinalen Ersatzzellen dauerhaft unter die Netzhaut. „Die Ergebnisse aus den Experimenten haben bewiesen, dass aus Stammzellen gewonnene retinale Pigmentepithelzellen das Potenzial haben, die durch AMD erkrankten Zellen zu ersetzen“, sagt Stanzel. Seine Methode ermöglicht jetzt die Präzisierung, welche Stammzelllinien unter welchen Bedingungen für Transplantationen unter die Netzhaut geeignet sind.

Augenklinik Sulzbach: Perfekte Infrastruktur für die Implantation von Stammzellprodukten
Die Therapie von Makulaerkrankungen ist ein bedeutender Schwerpunkt der Augenklinik in Sulzbach. Das spezialisierte Makulazentrum Saar zählt mit 10.000 Behandlungen im Jahr zu den größten in Deutschland. Prof. Dr. Peter Szurman betont: „Herr Stanzel findet bei uns perfekte Ausgangsbedingungen, um diese wegweisende Therapieoption für AMD erfolgreich zur Patientenanwendung zu bringen. Neben dem Aspekt einer erfahrenen Schwerpunktklinik war für Herrn Stanzels Herkommen entscheidend, dass wir eine eigene Forschergruppe mit Reinraumlabor zur Weiterentwicklung der AMD-Behandlung unterhalten.“ Zusätzlich arbeitet die Augenklinik Sulzbach eng zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT in Sulzbach, an dem u. a. die pluripotente Stammzelltechnologie ein wesentlicher Forschungsschwerpunkt ist. „Es besteht somit die einmalige Chance, hier am Standort Sulzbach in engster Kooperation der beiden Institutionen, also dem Fraunhofer IBMT und der Augenklinik, die neusten Entwicklungen im Labor direkt zum Nutzen für die Patienten zum Einsatz zu bringen“, so Prof. Dr. Hagen von Briesen, Leiter der Hauptabteilung Medizinische Biotechnologie am Fraunhofer IBMT.
Die Pilotstudie der Augenklinik wird über das international erfahrene Studienzentrum unter Aufsicht der Ethikkommission Saarbrücken und weiterer regulatorischer Institutionen durchgeführt. „Aus meiner Sicht ist die Augenklinik Sulzbach in Europa eine der besten Adressen für die Erforschung und Therapie der Makuladegeneration. Hier finde ich ein spezialisiertes Zentrum mit einer sehr großen Zahl an Patienten mit AMD sowie die langjährige Erfahrung mit der operativen AMD-Behandlung (subretinale Chirurgie) als auch ein modernes Forschungslabor. Außerdem kann ich die vorhandenen Forschungsstrukturen und -kooperationen nutzen, um meinen Patienten zügig diese neue Therapie bereitzustellen. Ich erhoffe mir zudem viele Synergien mit der deutschen sowie europäischen Biotech-Industrie. Da Europa für die klinische Translation von zelltherapeutischen Produkten aus pluripotenten Stammzellen regulatorisch noch unerfahren ist, freue ich mich auf die Zusammenarbeit auf nationaler und europäischer Ebene. Vieles passt hier im Saarland prima zusammen, so dass eine ursächliche Behandlung der fortgeschrittenen AMD in ausgewählten Fällen mit rezenter Sehverschlechterung jetzt endlich greifbar wird“, ergänzt Dr. Stanzel.

Experte für Stammzellimplantation in der Ophthalmologie
Priv.-Doz. Dr. Boris Viktor Stanzel gilt als ausgewiesener Experte für Stammzell-basierte Ersatzstrategien des retinalen Pigmentepithels (RPE, Versorgungsschicht der lichtempfindlichen Photorezeptoren) bei Makuladegeneration. Stanzel ist seit 1. April, nach seinem jüngsten Studienaufenthalt in Singapur mit dem Schwerpunkt vitreoretinale Chirurgie, oberärztlicher Leiter des Makulazentrum Saar an der Augenklinik Sulzbach. Das englischsprachige Fachmagazin The Ophthalmologist führt den Sulzbacher Forscher im April 2017 -bereits zum 3. Mal seit 2014- in seiner Powerlist der global besten und einflussreichsten Augenärzte. (https://theophthalmologist.com/power-list/2017/4-boris-stanzel/).

Das Fraunhofer IBMT – Biobanking auf höchstem Niveau
Optimierte, standardisierte Zellkulturtechniken und die darauf aufbauenden analytischen Messverfahren müssen bei der rasanten biotechnologischen Entwicklung von zukunftsorientierten, therapeutischen Konzepten Schritt halten. Das Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT entwickelt als Geräte- und Technologieentwickler im Bereich der LifeSciences und Biomedizinischen Technik innovative Zellkultursysteme und Testverfahren für die verschiedenen Bereiche der Stammzellforschung und Nanobiotechnologie. Im Bereich der Stammzellen steht heute die Verfügbarkeit des Materials in gleichbleibender Qualität im Vordergrund. Hierzu entwickelt das Fraunhofer IBMT robotische Plattformen, um die Effizienz und Reproduzierbarkeit der Kultivierungsprozesse zu optimieren. Das Institut arbeitet seit über 10 Jahren auf dem Gebiet der Stammzellforschung und verfügt über umfangreiche Zelllinienbestände in industriell und klinisch strukturierten Biobanken zur Tieftemperaturablage wertvoller Proben (Flüssigkeiten, Zellen, Gewebefragmente). In den letzten Jahren sind die Herstellung und Charakterisierung/Expansion induzierter pluripotenter Stammzellen (iPS) hinzugekommen. Das Fraunhofer IBMT ist im Rahmen eines europäischen Großprojekts am Aufbau einer internationalen iPS-Zellbank beteiligt. Für die Derivation und Expansion neuer Zelllinien, den Aufbau neuartiger Automatisierungspipelines und Durchführung standardisierter Screenings ist auch die effiziente Lagerung des Zellmaterials notwendig. Das Fraunhofer IBMT ist international führend im Bereich der Kryolagerung und Biobanktechnologie durch die Entwicklung neuartiger Einfrierverfahren und Hochleistungsmedien für die Kryokonservierung therapeutisch relevanter Zellsysteme.


Augenklinik Sulzbach in Zahlen
Die Augenklinik Sulzbach hat sich mit jährlich 22.000 Operationen in sieben neuen, hochmodernen Operationssälen zu einer der größten Augenkliniken in Deutschland entwickelt und ist weit über die Landesgrenzen hinaus anerkannt. Jedes Jahr behandeln 34 spezialisierte Ärzte und ein engagiertes Pflegeteam über 40.000 ambulante und fast 6.000 stationäre Patienten. Unter den ärztlichen Mitarbeitern finden sich zahlreiche renommierte Experten, die in 16 Ambulanzen und Spezialsprechstunden tätig sind.
In den vergangenen Jahren hat sich die Klinik auf innovative und minimal-invasive Behandlungsmethoden spezialisiert, die deutlich schonender sind als die alten, großen Augen-Operationen: Dazu zählen die Operation des Grauen Stars mit Laser, die Behandlung des Grünen Stars mit Mikrokatheter und Stents, endoskopische Verfahren in der Netzhautchirurgie, die schonende Teiltransplantation der Hornhaut, neue Therapien von Makulaerkrankungen und die Behandlung in der modernen Augenlaserklinik. Seit 2015 gilt die Klinik als größtes Zentrum für Netzhaut-/Glaskörperoperationen (> 1.700 Vitrektomien) in Deutschland. Das Makulazentrum Saar gehört mit derzeit 10.000 Behandlungen im Jahr zu den größten nationalen Behandlungszentren für AMD.
Die Augenklinik unterhält mehrere Forschergruppen im eigenen Reinraum-Labor, Entwicklungs-partnerschaften mit renommierten Medizintechnik-Firmen, eine Forschungskooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT in Sulzbach, eine spezialisierte Gewebebank für Hornhaut-Transplantate und ein klinisches Studienzentrum.
 

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Dennis Urgatz
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